Julien Gracq „Der Versucher“

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Buch des Monats September 2014
Droschl 2014 | Gebundenes Buch
231 Seiten | 23,00 €
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Klappentext
Julien Gracqs zweiter Roman „Un beau ténébreux“ wurde 1945 veröffentlicht und erscheint nun, fast 70 Jahre später, als letzter seiner großen Prosatexte zum ersten Mal in deutscher Übersetzung.
Ein vornehmes Strandhotel in der Bretagne. Unter den Gästen der Literaturwissenschaftler Gérard, der an einer Studie über Rimbaud arbeitet und uns in seinem Tagebuch über die anderen Gäste informiert. Die träge Ferienstimmung verändert sich mit einem Schlag, als ein neuer, faszinierender, intelligenter wie schöner Gast in Begleitung einer ebenso schönen Frau auftaucht, die Anwesenden in seinen Bann zieht und die Anordnung der Paare und die Ordnung der Gefühle durcheinanderbringt.
Gracq greift die von den Surrealisten geführte Debatte um den Selbstmord auf und verwandelt sie in ein philosophisch-romanhaftes Geschehen. Aber nicht nur der Surrealismus wird evoziert, sondern zahlreiche weitere intertextuelle Verweise auf die französische und die deutsche Literatur durchziehen den Roman. Vor allem aber ist Gracq in diesem Werk bereits der Meister der atmosphärischen Landschaftsschilderungen, der ungewissen Stimmungen, einer Naturromantik von enormer Intensität, bei der Präzision und Phantasie untrennbar ineinander verwoben sind.
(„Blu“ 5/2014 warnt vor dem Buch: ein „intellektuelles Verwirrspiel“, das von „überlangen Dialogen schmerzhaft aufgehalten“ wird)


Gerds Meinung
Nein, einfach zu lesen ist dieses Buch nicht. Der Autor folgt nicht dem Mainstream und füllt Buchseiten mit Handlungssträngen und „Action“.
Sein Werk hat zwei stilistisch sehr unterschiedliche Teile. Im ersten, längeren schreibt Gracq ganz von innen heraus. Es geht nicht um Gefühle, es geht um Stimmungen. Stimmungen, die nicht einfach mitgeteilt werden, sondern über die Beschreibung von Landschaften und die Anhäufung von Metaphern entstehen. Oft geraten ihm dabei (zumindest in der vorliegenden deutschen Übersetzung) die Sätze zu wahren Satzmonstern. Diesen Text muss man sich erarbeiten. Schnelles, fliehendes Lesen führt zu Unverständnis, Langeweile, regt so zu noch mehr Überfliegen, noch weniger Aufmerksamkeit an, entleert schließlich Absatz um Absatz. Aber so wie die Beziehungsgeflechte in der kleinen Protagonistengruppe des Romans entwirrt werden müssen, muss man sich teilweise durch die komplizierten Satzstrukturen des Textes kämpfen, um ihren semantischen Gehalt zu erfassen. Und dann plötzlich klappt es: eine melancholische Stimmung voll von Überdruss stellt sich ein, ein Starren auf die etwas verschwommene Landschaft mit den darin schwimmenden, wechselnden Personengruppen und ein Gefühl für deren verhängnisvolle Verstrickungen.
Im zweiten Teil – welche Erleichterung – kürzere Sätze, mehr imaginierbare Handlung, Zuspitzung der Verhältnisse und schließlich die so lange hinausgezögerte, erlösende Auflösung einer dekadent erscheinenden Feriengesellschaft, die konsequenterweise auch eine Auflösung der einzelnen Mitglieder dieser Gesellschaft ist.
Was also ist Gacqs Text? – Ein Experiment? Geglückt oder misslungen? – Eine eindeutige Antwort kann ich mir nicht vorstellen. Sie wird abhängen von der jeweiligen Situation, von der Stimmung des Lesers. Ein Jeder wird sie selbst finden müssen. Und sie wird sicher auch immer wieder anders ausfallen, sollte man den Text mehrfach lesen. Erneut lesen allerdings würde ich den Roman im Augenblick nicht.


Literatunten-Meinung
Zuerst einmal ist zu bemerken, dass es sich beim vorliegenden Werk definitiv NICHT um ein Buch mit schwulem Bezug handelt.
Die Meinung zur literarischen Qualität des Buches ging in der Gruppendiskussion extrem auseinander. Die meisten Anwesenden würdigten zwar die sehr stimmungsvollen Landschaftsbeschreibungen, bemängelten aber das Fehlen einer erkennbaren Handlung bzw. einer Entwicklung der Protagonisten. Dem Autor seien (es ist ja auch ein Frühwerk) erkennbar Anfänger-Fehler unterlaufen: zentrale, wichtige Figuren seien nicht entwickelt und spielten dann plötzlich eine Hauptrolle; in zwei ausufernd langen Briefen beschreibe Gracq quasi, wie der Roman zu lesen und zu verstehen sei; als Leser könne man keinen Sinn im Gelesenen erkennen; der Text sei letztendlich langweilig.
Einige wenige der Anwesenden waren nicht bereit, den Text so in Grund und Boden zu verurteilen. während Gerds Meinung zum Buch ja bereits bekannt ist (s. o.), bemerkte ein weiterer Diskussionsteilnehmer, dass ihn der Text mit der Zeit regelrecht in den Bann geschlagen hätte und er die Figuren und ihre Entwicklung brennend interessant fände. Das Buch sei eben eher von innen heraus geschrieben und daher vielleicht nicht vielen Lesern ohne weiteres zugänglich, aber er zähle diesen Text unbedingt zu den guten.



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