Donatien A. Fr. Marquis de Sade „Die 120 Tage von Sodom“

Am Seitenende kannst Du Deine Meinung zum Buch äußern!
 
Anaconda 2006 | Gebundenes Buch
479 Seiten | 7,95 €
versandkostenfrei bestellen: buecher.de
Verfügbarkeit recherchieren: Berliner Bibibliotheken
 
Dieses Buch gibt es für 1,99 € auch als eBook.
eBook-Download bestellen: buecher.de


Klappentext
Skandalös, behaupten die einen. Schmerzhaft notwendig, sagen die anderen. Die ‚120 Tage‘ des ‚göttlichen Marquis‘ polarisieren wie kaum ein zweites Werk der Weltliteratur. Vier Ehrenmänner halten 42 Frauen und Knaben auf einem Schloss gefangen und beraten, was mit ihnen zu tun sei. Da sie sich unbeobachtet wähnen, erliegen sie ihren Gelüsten und Begierden. Ungeachtet der Diskussionen, die das Buch auch heute noch auslöst, ist der Roman längst ein literarischer Klassiker, an dem niemand vorbeikommt, dem an einer rückhaltlosen Selbstaufklärung des Menschen gelegen ist.


Die „120 Tage“ gibt es in einer sehr verstörenden Verfilmung von Pier Paolo Pasolini.
 
Am 2. November 1975 wurde die schrecklich zugerichtete Leiche des wohl wichtigsten, gleichsam radikalsten italienischen Regisseurs Pier P. Pasolini in der römischen Hafenstadt Ostia aufgefunden. Der Verdacht fiel auf den Strichjungen Pino Pelosi, der den Mord auch gestand. Und – obwohl vieles dagegen sprach, dass es Pelosi allein gewesen sein konnte – war die italienische Justiz schnell mit einer Verurteilung bei der Hand. Der Fall galt als abgeschlossen. Im Mai 2005 – fast 30 Jahre nach der Bluttat – hat Pelosi sein Geständnis aus guten Gründen widerrufen. Die italienische Justiz hat angekündigt, den Mordfall um den schwulen Skandalregisseur neu aufrollen zu wollen. Vermutlich war er in eine Falle getappt. Man hatte ihm angeboten, Filmrollen aus »Die 120 Tage von Sodom« aushändigen zu wollen, die zuvor gestohlen worden waren. Vieles spricht dafür, dass Pasolini einer Verschwörung zum Opfer fiel, die bis in damals höchste italienische Regierungskreise reichte und darauf abzielte, ein unbequemes Haßobjekt der italienischen Gesellschaft zu beseitigen. Es gab eine lange Vorgeschichte zu dieser Ermordung: Pasolinis filmisches Schaffen war von Anfang an mit Klagen wegen Obszönität und Gotteslästerung überzogen worden, weil sein Werk für den konservativen Normalbürger oft zu radikal, zu drastisch und zu unbequem war – schlicht: unerträglich. Und so überschlugen sich ein Großteil der italienischen Medien mit Jubelmeldungen über Pasolinis Ermordung mit dem Tenor: »Endlich ist der Dreckskerl tot.« Für viele war Pasolini eine schwule Unperson, die es mundtot zu machen galt. Mit »Die 120 Tage von Sodom« wäre auf Pasolini vermutlich eine neue Klagswelle zugekommen. Doch Pasolini erlebte die Kinopremiere nicht mehr. Das hinderte die italienische Zensur jedoch nicht daran, dem Film jeden möglich Stein in den Weg zu legen, der sich anbot. Und so wundert es nicht, dass in Italien bis heute nur verstümmelte Fassungen von »Salò« zu sehen waren. Zeitweise war er sogar verboten. Mit »Salò« adaptierte Pasolini eines der erschütterndsten, wohl auch abartigsten Werke der europäischen Literaturgeschichte – »Die 120 Tage von Sodom«, das der Marquis de Sade im 18. Jahrhundert in einem Gefängnis geschrieben hatte. Vier Adlige am Ende des Ancient Regime bemächtigen sich einer Gruppe von weiblichen und männlichen Opfern, mit denen sie sich in einem Schloss in der Schweiz einsperren. Ein Opfer nach dem anderen wird immer neuen sexuellen Perversionen ausgesetzt, die von Mal zu Mal extremer werden und schließlich in Lustmorden enden. Pasolini übertrug in seinem letzten Film Sades »Die 120 Tage von Sodom« auf die Endphase des Mussolini-Faschismus in Italien, die sog. Faschistische Republik von Salò. Eine Gruppe faschistischer Großbürger lässt junge Männer und Frauen von der faschistischen Miliz verschleppen. Sie werden alle in einen Palazzo verbracht und eingesperrt. Dort – ohne Aussicht auf Befreiung oder Fluchtmöglichkeit – unterstehen sie den Herren zur uneingeschränkten sexuellen Verfügung. Im Laufe der Zeit werden sie alle als Lustobjekte einer nach dem anderen benutzt. Sie werden allen nur erdenklichen sexuellen Perversionen, Demütigungen und Qualen ausgesetzt, die der Stimulation ihrer Herren dienen. Am Ende werden die Opfer in einer Lustmordorgie umgebracht, förmlich abgeschlachtet. Die Bilder in »Salò« kommen anfangs recht bürgerlich-verkitscht daher – unterstützt durch eine entsprechendes Setting und die musikalische Untermalung -, werden jedoch von Szene zu Szene immer verstörender und letztendlich absolut schockierend. Pasolini zeigt mit drastischer Konsequenz, welche Folgen es haben kann, wenn man Menschen absolute Gewalt über andere in die Hand gibt, d.h. sie absoluten Machtgelüsten ausliefert. Insofern ist »Salò« nicht nur ein Film, der den Faschismus kritisiert, sondern jede Gewaltherrschaft und die menschliche Grunddisposition zur Lust an Gewalt und Zerstörung überhaupt. »Salò« wirkt auf den Betrachter anders, als dem Film von vielen Kritikern vorgeworfen wurde: nicht als sexuelle Fantasie aufgeilend, pornografisch, sondern vielmehr verstörend und abschreckend, ja schockierend. Rational hat man sich mit dem Film – insbesondere in Italien – nur selten auseinandergesetzt. Dadurch, dass es Pasolinis letzter Film war, entzog er sich – quasi als Vermächtnis – einer werküberspannenden Kritik (durchaus vergleichbar mit Rainer W. Fassbinders »Querelle«). Auch war Pasolini nicht mehr da, um »Salò« ins rechte Licht zu rücken. Die filmische Darstellung ist zu drastisch, ja radikal. Kein Wunder, dass der Film in Italien einen Skandal auslöste und der Zensur zum Opfer fiel – hält er doch dem Betrachter den Spiegel vor Augen: was würdest du machen, wenn du Gewalt über andere Menschen hättest? Und auch die aktuelle politische Situation in Italien lässt durch die Beteiligung der Neofaschisten an der Regierung Berlusconi II sehr wohl Parallelen erkennen. Wer sich noch weiter eingehend mit »Salò« befassen möchte, hat dazu Gelegenheit in dem englischsprachigen Buch »Salò« von Gary Indiana, das 2000 in der Reihe »bfi Modern Classics« erschienen ist. Neben vielen Szenenfotos und Fotos vom Set erzählt der schwule Autor, der durch Bücher wie »Callboy« und »Three Month Fever« bekannt wurde, die Handlung in Grundzügen nach, ordnet »Salò« unter Heranziehung autobiografischen Materials im Werk Pasolinis ein und stellt die Zusammenhänge mit der damaligen Politik her. Immer wieder greift Indiana dabei auf Instrumentarien der Queer Theory zurück. Schließlich kommt Indiana zu dem Schluss, dass die Bedeutung des Films mehr in seiner Wirkung als in seiner künstlerischen Qualität zu suchen ist. Wer sich außerdem über die Person Pasolinis informieren möchte, dem empfehle ich nach wie vor die grundlegende Biografie von Otto Schweitzer aus dem Jahr 1986, die auf 158 Seiten einen guten und kurzen Überblick über Pasolinis Leben und Schaffen gibt – und insofern auch »Salò« als Spätwerk auch in einen größeren Zusammenhang stellt. Die hier empfohlene DVD-Version von »Die 120 Tage von Sodom (Salò)« stellt die erste ungekürzte deutschsprachige Version des Films dar. Sie enthält einiges Bonusmaterial – darunter ein Booklet mit Essays zum Film. Insgesamt ist »Salò« ein exzeptioneller Film, den anzuschauen man jedoch schon gute Nerven mitbringen sollte, weil die Bilder, die man zu sehen bekommen, unter die Haut gehen.
I/F 1975 | Regie: P. P. Pasolini
BluRay | 93 Min. | FSK 18 | 15,99 €
Film auf DVD/BluRay bestellen: buecher.de

 
 
 
 



Trifft dieser Artikel Dein Interesse?
Dann interessieren sich sicher auch Deine Freunde dafür. Berichte in Deinem Netzwerk davon!

(Die LITERATUNTEN schützen Deine Privatsphäre: Die Seite stellt den Kontakt zu Deinem Netzwerk erst her, wenn Du auf den Netzwerk-Button klickst.)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*