Bernardo Carvalho „Dreihundert Brücken“

Buch des Monats April 2016:
Bernardo Carvalho „Dreihundert Brücken“

Bernardo Carvalho „Dreihundert Brücken“Luchterhand 2013 | gebundenes Buch
222 Seiten | 19,99 €
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Klappentext zum Buch
Dreihundert Brücken“ von Bernardo Carvalho

Bernardo Carvalho ist ein Kosmopolit, der den brasilianischen Urwald ebenso faszinierend zu schildern versteht wie die Mongolei. In seinem neuesten Roman erzählt er von St. Petersburg, der Stadt der dreihundert Brücken, und zwei jungen Männern, die sich hier begegnen und in deren Schicksal sich die Nationalitätenkonflikte spiegeln, die überall in Osteuropa zu schwelen scheinen.


Dennis‘ Meinung:

Das Leiden anderer beschreiben –

Um meiner Begeisterung freien Lauf zu lassen, sage ich es gleich vorneweg: Bernardo Carvalho ist ein großartiges Buch gelungen, dem ich viele Leser wünsche. „Dreihundert Brücken“ – das ist eine starke Geschichte, ganz stark erzählt!

Carvalho nimmt uns darin mit in jenen Teil Europas, der ehemals dem Staatengebilde der Sowjetunion angehörte. Kurz nach Beginn des neuen Jahrtausends tobt erneut der Krieg im Kaukasus. Vor dem Hintergrund eines alten Nationalitätenkonflikts erzählt Carvalho vom Ausgeliefertsein an politische Verhältnisse und den Wirren daraus resultierender Biographien. Im Mittelpunkt steht dabei die Geschichte von Ruslan und Andrej – Tschetschene der eine, Russe der andere. Ihre Lebenswege kreuzen sich in St. Petersburg, der Stadt der dreihundert Brücken. Hier finden und verlieren sie sich. Denn in ihrer Welt, die der Logik des Hasses folgt, hat die Liebe keine Chance. Erst recht nicht die zwischen zwei jungen Männern. Selbst dreihundert Brücken führen nicht in ein besseres und gemeinsames Leben, überwinden nicht die Abgründe zwischen den Menschen. Die Ereignisse überschlagen sich und enden für beide im ausweglosen Unglück.

Mit ihrem Schicksal erzählt Carvalho zugleich eine jener Geschichten, die im Osten Europas üblicherweise nicht erzählt werden – oder nicht erzählt werden dürfen. Denn Macht bestand schon immer auch darin, festlegen zu können, worüber gesprochen wird und worüber nicht. Die gegenwärtigen Entwicklungen in Russland erinnern uns daran, dass es auch heute wichtig ist, diese Geschichten zu erzählen. Mit einem Buch wie Bernardo Carvalhos „Dreihundert Brücken“ kommen sie in die Welt.

Die Form des Romans gleicht dabei einem Puzzlespiel: Anfangs erkennt man nur einzelne Teile, später entdeckt man Zusammenhänge, am Ende ergibt sich aus allem ein Bild. Genau so erzählt Carvalho hier. Nicht linear, sondern in einem fortwährenden Wechsel der Figuren, Zeiten, Orte und Geschehnisse. Was durch diese Art des Erzählens erreicht wird, ist nicht nur ein hohes Maß an Spannung, sondern vor allem ein Höchstmaß an Dichte. Es ist erstaunlich, wie viel wir auf eher wenigen Seiten über dieses Russland nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, über die Sehnsüchte und Nöte seiner Menschen erfahren.

Vieles davon erzählt Carvalho wie nebenbei. Zahlreiche Episoden, in denen sich Bedeutsames verbirgt und aus denen sich die existenzielle Tiefe des Romans speist, liegen eher abseits der eigentlichen Handlung. So erfahren wir – um ein Beispiel zu nennen – gleich zu Beginn des Buches von der Dichterin Anna Achmatowa: „In den schrecklichen Jahren des Justizterrors unter Jechow habe ich siebzehn Monate mit Schlangestehen vor den Gefängnissen von Leningrad verbracht. Irgendwie erkannte mich einmal jemand. Da erwachte die hinter mir stehende Frau aus jener Erstarrung, die uns allen eigen war, und flüsterte mir ins Ohr die Frage: ‚Können Sie das beschreiben?‘ Und ich antwortete: ‚Ja, ich kann es.‘ Da glitt etwas wie ein Lächeln über das, was einmal ihr Gesicht gewesen war.“

Was hier in beiläufiger Weise berichtet wird, ist der unscheinbare Auftakt zu einem Thema, das den gesamten Roman in verschiedenen Variationen durchzieht: Die Idee des Schreibens als einer Möglichkeit des Sich-zur-Wehr-Setzens, als einem Mittel gegen das Erstarren und Überwältigt-Werden. Denn überwältigend sind die Ereignisse in der Welt, die uns hier gezeigt wird. Aber es ist auch die Frage: Wie weit reicht diese Kraft der Sprache, wie weit reicht die Macht der Literatur? Carvalho weiß um das Bedrängende aller Realität und um die Aufgabe, ihrer Unüberschaubarkeit nicht auszuweichen, sondern zu verstehen. Schreiben kann dabei helfen. Lesen kann es auch. Dass aber beides bei Carvalho nicht als ausgemacht gilt, trägt zur nachhaltigen Wirkung seines Buches mit bei.

Richten wir jene Frage, die der Dichterin Achmatowa gestellt wurde, an Bernardo Carvalho und fragen, ob er das Leben und Lieben und Leiden der Menschen mit seinen „Dreihundert Brücken“ beschreiben kann, so muss die Antwort lauten: „Ja, er kann es“ – und wie er es kann! (Und auch über das Gesicht des Rezensenten huscht ein dankbares Lächeln.)



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